ab17.04. Ausstellung „PLEASURES“ (Köln) – Kunst oder Erotik?


Mega Gay Word, Kön

Ausstellung PLEASURES

17. April – 30. April 2014



pleasures



Erotik und/oder Kunst? Vulgäre Obszönität oder sublime Vergeistung? Wie passt beides zusammen und welcher Liebhaber eines Kunstwerkes würde es öffentlich zugeben, dass sein Objekt der Begierde ihn in libidinöses Entzücken, ja sogar Rage, versetzt?

Wirft man einen Blick zurück auf die Kunstgeschichte, sind all die nackten Götter und Göttinnen, Heiligen und Musen doch zunächst Ausdruck der pietätvollen Unschuld von Betrachter und Werk. Erreicht die Darstellung von Nacktheit speziell mit dem Barock orgiastische Ausmaße, muss die Ehrlichkeit des frömmelnden Kunstgenusses in Zweifel gezogen werden, ob die opulente Fleischlichkeit wirklich nur der geistigen Kontemplation gedient haben mag. Die postulierte Moral der Bilder dient so nicht zuletzt der Verschleierung erotisch-sexueller Implikationen. Der Topos der ästhetisch-reinigenden Erfahrung mittels des Kunstwerkes wird zur moralischen Diskursfigur für eine implizite sexuelle Doppelmoral auf Seiten der Rezeption; daher der Ausstellungstitel, der diese mehrdeutigen Freuden zu umschreiben versucht.

Erotisches Begehren in der Kunst endet meist deshalb hinter der Pforte des Privaten. Es kommt zum Zwiespalt, da sich jenes Begehren des Kunstpublikums und ihre Aufforderung an die Kunst zur kritischen Auseinandersetzung diametral gegenüber stehen. Die Künstler der Avantgarde und jene, die sich in ihre Tradition einzureihen versuchen, setzten es sich zum Ziel mittels der ästhetischen Praxis die Grenzen von Kunst und Leben überschreiten zu wollen. Das als defizitär verstandene Dasein der Gesellschaft solle durch Kunst ganzheitlich verbessert werden. Wie könnte die Kunst dem Leben folglich besser zur Befriedigung verhelfen, wenn nicht auch durch sinnliche Stimulation? Darf und kann Kunst der begehrlichen Erregung dienen? Kunst als masturbatorische Praxis? Oder wird der Erotik vielmehr ihr Reiz genommen, sobald selbst das offensichtlich Anregende als Kunst deklariert und somit dessen sexueller Inhalt hinter dem `Stil` des Künstlers zu verschwimmen scheint? Vielleicht aber dient das Prädikat der Kunst als symbolischer Ersatz zur heimlichen Auslebung von unterschwellig erotischen Ausschweifungen. Der Akt des Abgestoßen- und Angestoßenseins führt bei Objekten der Kunst zu widersprüchlichen Verhaltensdispositionen.

Die Ausstellung hinterfragt somit auch die Funktion des Ortes in der Kunst. Im Museum möchte die Erotik durch intellektuelle Gewissenhaftigkeit erfasst werden; jegliches Lustpotenzial wird wissenschaftlich seziert. Das Museum, der öffentliche Ort, als Empfängnisverhüter des Lustempfindens. Die Ausstellung entzieht sich dieser potenzsenkenden Praktik und sucht einen Ort auf, in welchem Sexualität und Erotik in all ihren Facetten angeregt werden und erwünscht sind: ein Sex-Shop. Hier wird die Rede von der Kunst als Fetisch in ihre sexuelle Lebenswirklichkeit übersetzt. Das pornographisch-erotische Schreckgespenst des öffentlichen Lebens wandelt sich hier zur Lust als wirtschaftlicher Faktor. Doch wenn Lust und Erregung an und mit Kunst gestattet sind, gelingt den Werken noch ihre amouröse Verführung? Oder ist es gerade der Zwang zur Unterdrückung (im Museum), der erregt? Die Steigerung der Gier durch Leugnung derselben.

Mit der Auswahl der Künstler und ihrer Arbeiten wird das Display, der Ort der Kunst zur Diskussion gestellt. Welche Assoziationen lässt der Ort in den Arbeiten wach werden? Äußern sie Wünsche oder Gelüste, die die Künstler nicht intendierten? Der Ort als Aphrodisiakum. Die Schau begreift sich indessen nicht als parasitärer Versuch, seinen Wirt zu verändern. Kunst und Verkaufsgüter werden in symbiotischer Nachbarschaft gezeigt und die Dignität des Raumes soll unangetastet bleiben. Wem dient die Kunst und für was? PLEASURES liefert mögliche Antworten.

Von den psychedelischen Orgien Magdalena Kitas, bis hin zu den Monochromen von Oliver Meier zeigt die Ausstellung Abstufung des Erotischen und des Expliziten.

Louisa Clement (*1987 Bonn) beschäftigt sich mit ihren Arbeiten in der Ausstellung mit dem Thema der Abbildbarkeit des eigenen Körpers. Sie hinterlässt jedoch nur Spuren von sich, dezente Hinweise ihrer Anwesenheit. Erst beim genauen Hinsehen zeigt sich auf einem Bild die Rückansicht ihres Beines, welches von Stoff nahezu verhüllt ist. Diskret und dabei subtil erotisch zugleich, zeugen ihre Bilder von einer Aura der Zartheit.

Klara Kayser (*1986 Hannover) und Faber Påstand (*1984 San Diego) setzen sich mit religiös-sexuellen Gegensätzen auseinander. In Postands Soundinstallation treffen eine sinnliche Frauenstimme, die aus George Battailes „Geschichte des Auge“ vorließt auf J.S. Bachs Cantate „Jesu meine Freude“. Beide Texte beschreiben den Akt der existenziellen Hingabe an eine bestimmte Sache. Während es bei Battaile der geschlechtliche Exzess ist, besingt der Chor seine fleischliche Aufopferung für Jesu Christi. Beide Texte reproduzieren auf ihre Weise religiöse Bedürfnisse.

Auch Klara Kayser spielt mit ihren fluoriszierende Objekte auf diesen Widerspruch an: Handelt es sich um Heiligenscheine, überdimensionierte Cockrings oder Kondome?

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Die Zeichnungen und das bemalte Fell von Magdalena Kita (*1983, Debica, Polen) bewegen sich adoleszenter Unschuld und Pornografie. In ihren Bilderwelten wird Sexualität ungehemmt auslebt. Der Charakter des Pornografischen wird wiederum durch ihren naiven Malstil eingefangen und entschärft. Das Ornament, welches eine fesselnde Suggestivkraft besitzt, stellt sich konkurrierend den drastischen Inhalten gegenüber. Die Aufmerksamkeit des Betrachers wechselt somit ständig zwischen dem Element des Dekorativen und dem Akt an sich.

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Oliver Meiers (*1987 Wallheim) Bilder entstehen trotz Skizzen aus dem Moment heraus. In breiten Streifen wird schwarze Farbe über die Leinwand verstrichen. Der Malakt findet jedoch immer wieder ein abruptes Ende, um den Pinsel neu anzusetzen. Dem Schaffensdrang wird mit Zurückhaltung begegnet; ein Ausreizen des Momentes, der sonst nur allzu kurz wäre. Der leichte schwarze Glanz der Oberfläche emittiert dabei eine Faszination, die die Arbeiten mit Leder und Latex assoziieren lässt. Eine Beobachtung, die vielleicht erst durch den Ausstellungsort bemerkbar wird.

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markusMarkus Kleinfeld (*1979 Berlin). Interesse gilt zunächst der Tatsache, dass weder Bild, Wort noch Ton für sich alleine genommen Bedeutung erzeugen können. Wie bereits Magritte feststellte: Kein Objekt ist so an einen Namen gebunden, dass man den Namen nicht durch etwas anderes austauschen könnte: „Ceci n’est pas une pipe.“ Kleinfeld entwirft Collagen, bei denen das anonymes Bildmaterial in seiner Addition anfängt, einen Moment des narrativen zu konstruieren, der jedoch nie eindeutig ist.




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