PACT Zollverein Essen: Absolventen der Brüsseler Tanz- und Performance-Schule P.A.R.T.S. präsentierten eigene Choreografien


Absolventen der Brüsseler Tanz- und Performance-Schule P.A.R.T.S. präsentieren eigene Choreografien sowie eine neue Version von Anne Teresa de Keersmaekers ,The Song‘

Von Susanne Braun

In der 1995 von der Kompanie ,Rosas‘ und der Oper ,De Munt/La Monnaie‘ gegründeten Schule ,Performing Arts Research and Training Studios (P.A.R.T.S.)‘ in Brüssel betrachtet man Tanz als eine Kunstform, die in ständigem Austausch mit anderen steht, vor allen Dingen mit Theater und Musik. Die mehrjährige Ausbildung dort bietet den Schülern sowohl eine umfassende Ausbildung in zeitgenössischem Tanz als auch das notwendige Handwerkszeug, um eigenständig kreative choreogrfische Arbeiten entwickeln zu können. In diesem Jahr konnten die Schüler zwischen einer eigenen Choreografie und einem Repertoire-Stück als Abschlussarbeit wählen. Bei ,PACT Zollverein‘ in Essen haben die Absolventen drei selbst entwickelte Arbeiten und ,Another Song‘, eine Neuinterpretation von Anne Teresa de Keersmaekers Stück ,The Song‘, präsentiert.

Kandinsky, Malewitsch und Mondrian wollten in den Gemälden, die die Ausstellung ‚Kandinsky, Malewitsch, Mondrian – Der weiße Abgrund Unendlichkeit‘ im K20 der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen zeigt, eine Darstellung der Umgebung finden, die dem aus ihrer Sicht Eigentlichen gerechter wird. Dabei haben sie unter Verwendung meist reduzierter malerischer Mittel auch das mit einbezogen, das sich der visuellen Wahrnehmung für gewöhnlich entzieht. Auch bei den P.A.R.T.S.-Studenten stehen diese Themen im Mittelpunkt. Bewegungen scheinen aus dem Nichts zu kommen und dann manchmal sogar eine ganze Gruppe zu beeinflussen, dann wieder werden neue Bedeutungsebenen geschaffen, indem Geräusch und Bewegung ungewöhnliche Verbindungen eingehen oder ohrenbetäubende Soundeffekte aus dem Off plötzlich die Szene dominieren. Kommunikation gelingt dabei, wenn überhaupt, dann nur auf körperlicher Ebene.


Alle Fotos © Bart Grietens

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,Get out of the blue‘ zeigt eine Solistin, die auf ein elektronisch erzeugtes Signal hin immer wieder in eine Art Boxkampfarena steigt und eine aggressive Kampfhaltung einnimmt. Ohne von Außen erkennbaren Grund gelingt es ihr nicht, die aggressive Pose beizubehalten. Tanzschritte, Kampfschreie, Tritte und Handkantenschläge scheinen auf absurde Weise dabei zu helfen, die Körperspannung zu halten und sich gegen eine Art unsichtbaren Gegner zu behaupten. Gerade ist die Tänzerin offenbar den Anforderungen der Arena gewachsen, da ertönt so etwas wie ein Besetztzeichen. ,Go to sleep, you little baby‘ ist der Refrain des melancholischen Liedes, das die Solistin zum Schluss anstimmt, während die Arena sich langsam schließt und sie selbst draußen bleibt.


Alle Fotos © Bart Grietens

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Menschen und Gegenstände sind bei ,Slogan of modern times (Slugania)‘ von dickem blauen Stoff oder hautfarbenem Material verhüllt und haben dadurch nur noch etwas Schemenhaftes. Das hautfarbene Material wirkt transparent, ist aber kaum weniger undurchsichtig als der blaue Stoff. Während der Vorstellung verändern sich die Anteile des blauen und hautfarbenen Materials am Körper der Performerinnen und den Gegenständen, wodurch alles mal mehr und mal weniger ,nackt‘ oder verhüllt wirkt, eine optische Täuschung. Auch Handlung und Geräusche gehen ungewöhnliche Verbindungen ein, etwa als die Performerinnen akkustisch den Eindruck erwecken, als renne ein bellender Hund über die Bühne, indem eine der beiden bellt während eine andere mit Hilfe eines Stuhls und Getrampel Laufgeräusche erzeugt. Irgendwann bricht Stimmengewirr aus dem Off herein, das die Performerinnen zwingt, sich zu bewegen und sie keine Ruhe finden lässt.


Alle Fotos © Bart Grietens

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Alle Gespräche auf der Bühne in ,The eternity ship question‘ finden im plaudrigen Tonfall einer TV-Comedy oder Sitcom statt. Dabei stehen die Dialoge in keinem inhaltlichen Zusammenhang zueinander, jeder lebt offenbar in seinem eigenen ,Film‘. Eine absurde und unterhaltsame Konstellation, die außerdem an die Theorie Marshall McLuhans erinnert, gemäß der ,das Medium die Message‘ ist und sogar der Inhalt der Kommunikation in erster Linie durch die Natur eines bestimmten Mediums geprägt wird. Zwar gibt es unterschiedlichste Versuche miteinander in direkten Kontakt zu treten, doch sie scheitern allesamt. Dabei wirkt die Situation rein optisch gar nicht so aussichtslos, denn auf rein körperlicher Ebene interagieren sie meist gut miteinander, etwa als einer von seinen Erfahrungen auf einer Entdeckungsreise erzählt und die anderen gemeinsam mit ihm den Horizont absuchen und ihn zu begleiten scheinen, auch wenn ihre Worte dabei etwas ganz anderes beschreiben. Helfen können auch die Regie-Anweisungen aus dem Off oder die Ordner und Files des im Hintergrund eingeblendeten riesigen Computerbildschirms in keiner Weise und der tragisch-komische Charakter aller Handlung lässt sich nicht auflösen.

,Another Song‘ greift viele der Figuren, Bewegungsabläufe und Techniken aus den vorigen Stücken auf und bildet damit eine Fortsetzung der neuen Stücke unter Bezugnahme auf das Reproduzierte. Anne Teresa de Keersmaeker hat das Original im Jahr 2009 gemeinsam mit ihrer Kompanie ,Rosas‘ auf Basis des ,White Album‘ der Beatles entwickelt. Im Folgenden ein Interview mit Anne Teresa de Keersmaeker samt Tanzszenen zu ,The Song‘:




Nachdem sie mit einer Choreografie zur Musik von Arnold Schönberg Mitte August bei der ,Ruhrtriennale‘ (www.ruhrtriennale.de) gastiert, ist sie vom 21. bis 23. September mit ,Re:Zeitung‘ im ,Tanzhaus NRW‘ (www.tanzhaus-nrw.de) in Düsseldorf zu sehen. Mehr Informationen zu P.A.R.T.S. gibt es unter: www.parts.be



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