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Schriftsteller Andreas Lukas: Von der Kunst des Hinhörens und Hinsehens


Schriftsteller Andreas Lukas: Von der Kunst des Hinhörens und Hinsehens



Zur Buchmesse Frankfurt im Herbst erschien der zweite Roman des Schriftstellers Andreas Lukas. Während er in seinem ersten Roman „Nie mit, aber auch nicht ohne“ Fragen aufgreift, die fast jeder in seinem Lebensgepäck mit sich trägt, geht es im zweiten Buch „Die ungleichen Gleichen“ um die Begegnung zweier junger Menschen mit Bezug zur aktuellen gesellschaftlichen Situation.

Im ersten Roman lässt der Autor Andreas Lukas den Künstler Toso seinen Besuchern erklären, dass Achtsamkeit eine Tugend sei, die jemanden zu einem genaueren Beobachter werden lasse. Kunst findet also nicht nur in Gemälden mit dem Pinsel statt, sondern auch mit Worten, genauerem Beobachten und Hinhören. Die Begegnung des Protagonisten Alexander Petermann mit dem Künstler hinterlässt einen tiefen Eindruck. Es eröffnet ihm, was zwischen den Worten steht. Vielleicht sind sogar Töne zwischen den Worten vernehmbar.

Schriftssteller Andreas Lukas, Buchmesse Frankfurt 2018

Der erste Roman von Andreas Lukas greift Fragen des Lebens auf, die fast jeder in irgendeiner Art mit sich trägt. Alexander Petermann wacht nach einem gewaltigen Traum auf, in dem fast sein ganzes Leben an ihm vorbeizog. Er will sich zunächst diesen Film nicht anschauen. Er will sich diesen Fragen nicht stellen. Doch die Neugierde gewinnt die Oberhand. Er beschließt mit dem Frühstück die Gedankenfluten zu entziffern und niederzuschreiben. Das Besondere: das Buch wird im Buch geschrieben.

Wie ein roter Faden und wie beim Kunstschaffenden zieht sich das genaue Hinsehen und Hinhören durch die Geschichte. Es wird ein Bogen gespannt zur digitalen Gesellschaft, in der dies mehr und mehr abhandenkommt und die keine Pausen mehr zulässt. Irgendwann steht der Protagonist, in den sich der Leser leicht hineinversetzen kann, vor der „Wunschliste an ein neues Ich“. „Ein spannendes Buch, in dem Traum und Realität, Erinnerungen, Gefühle und Gedanken lebendig miteinander verknüpft sind“, schreibt ein Leser.

In seinem zweiten Roman „Die ungleichen Gleichen“, mit dem Andreas Lukas beim Planet Award „Autor des Jahres“ Platz 6 erreicht hat, finden wir das für ihn typische Wortspiel bereits im Titel. Zwei junge Menschen begegnen sich in Café am Fluss. Beide neu und fremd in der Stadt. Beide auf sich gestellt. Beide mit einem Schicksalsschlag. Soweit das Gleiche. Ungleich ist der kulturelle Hintergrund. Sie ist in ländlicher Umgebung aufgewachsen. Er ist Flüchtling. Er muss sich zurecht finden in der Fremde. Dabei ergreifen die vielen Erlebnisse und Erinnerungen aus der Heimat immer wieder Besitz von ihm und seiner Gedankenwelt. Er kann sie nicht wie sein Gepäck an einen dafür vorgesehenen Platz ablegen. Sie sind immer in seinem Kopf präsent. Er durchlebt viele schwierige Tage und Situationen.

„DIE UNGLEICHEN GLEICHEN“ – Cover

Wie das Spiel mit den Farben auf dem Titel fasziniert das Spiel mit vier Welten im zweiten Roman des Autors, ihre Vergangenheit und Gegenwart, seine Vergangenheit und Gegenwart. Spannend und emotional sind auch die Begegnungen mit verschiedenen Menschen und die Orientierung der beiden in der für sie neuen Umgebung. Dabei suchen sie Halt in einem Dialog mit einem Familienmitglied, sie mit ihrem Großvater, er mit seiner Großmutter. Diese Dialoge finden aber nur in Gedanken statt.

Der Sänger und Vollblut-Entertainer Marc Marshall urteilt: „Der intensive Blick in das Schicksal und die Gefühlswelt zweier junger Menschen öffnet Perspektiven zur Bereicherung und einem wunderbaren, harmonischen und friedlichen Miteinander. Spannend und emotional geschrieben!“ Und genau hier treffen sich Kunst und Literatur, öffnen Perspektiven. Es findet eine Begegnung im wohl verstandenen Sinn statt. Im ersten Roman von Andreas Lukas eine Begegnung des Protagonisten, der stellvertretend für jeden von uns stehen kann, mit sich selbst, dem eigenen Ich. Soll er sich ein neues Ich wünschen? Im zweiten Roman des Autors eine Begegnung zwischen zwei jungen Menschen, wie sie aktueller nicht sein könnte. Tut sich eine gemeinsame, fünfte Welt auf? Faszinierende Begegnungen zwischen zunächst Unterschiedlichem, das meist gar nicht so unterschiedlich ist. Menschen mit Schicksalen, mit Träumen und Hoffnungen. Begegnungen, die in der weltoffenen Stadt Düsseldorf an vielen Stellen und bei vielen Events zu erleben sind.



Der Autor steht für Lesungen im Rahmen von Ausstellungen und Vernissagen zur Verfügung. Näheres dazu und Details zu den vorgestellten Büchern finden Sie auf der Autorenseite (www.andreas-lukas.eu).







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Künstlergespräch: Tomás Saraceno im K21 – Mit dem Mikrokosmos den Makrokosmos erklären …

… oder was unterscheidet die soziale Spinne von der weniger sozialen.


KPMG-Kunstabend im K21 – zu Gast war Tomás Saraceno

Seit Juni diesen Jahres erfreute und animierte die spektakuläre Netzinstallation „In Orbit“ bereits zahlreiche Besucher. Heute Abend lud nun das Ständehaus in Person von Marion Ackermann, künstlerische Leiterin der Kunstsammlung NRW, im Rahmen des KPMG-Kunstabends zum Künstlergespräch ein und so fanden trotz richtig miesen Wetters zahlreiche Besucher ihren Weg zur „Bel Etage“ des K21.

Wie es der Zufall wollte stand ich gerade am Aufzug, um mich nach oben unter die Glaskuppel zu begeben, als Thomás Saraceno ebenfalls dort eintraf und zunächst von der Aufsicht, die ihn nicht erkannte, wegen seines kleinen Trolleys, den er mit sich führte, angehalten wurde. Ich machte mir das kleine Vergnügen, den Sachverhalt aufzuklären.

Ackermann und Saraceno bei der Vorbereitung ihres Gesprächs
Ackermann und Saraceno bei der Vorbereitung ihres Gesprächs

Oben begann dann ein zunächst sichtlich aufgeregter aber sehr sympatisch wirkender Saraceno die Zuhörer in den Bann seines Kosmos zu entführen. Dabei wich seine anfängliche Unsicherheit ganz schnell und wurde ersetzt durch den leidenschaftlichen und von den großen und kleinen kosmologischen Zusammenhängen begeisterten Künstler. Saraceno erklärt sehr eindrucksvoll den Ausgangspunkt seiner Installationen: sie gehen zurück auf die faszinierenden Beobachtungen und Grundlagenforschungen, die er im Bereich der Arachnologie (Spinnenkunde) gemacht hat. Im Zuge dieser Untersuchungen, von denen einige am MIT oder am Max Planck Institut durchgeführt wurden, wurde z. B. erstmailig ein 3D-Scan von Spinnennetzen angefertigt.

Im Hintergrund zu sehen die Anfertigung des 3D-Scans eines Spinnennetzes
Im Hintergrund zu sehen die Anfertigung des 3D-Scans eines Spinnennetzes

Dabei konte man einen Unterschied zwischen den Netzen feststellen, wie sie von den nur ca. 20 sozial agierenden Spinnenarten gegenüber den über 30.000 weniger sozialen Spinnenarten gewebt werden: während die Netze der eher unsozialen Spinnenarten flach gewebt sind, sind jene, die von den sozialen Spinnenarten aufgespannt werden dreidimensional. Letztere Spinnenarten spinen auch gemeinsam ihr Netz, auf dem sie dann gemeinschaftlich leben, während die anderen Spinnen ihre Netze alleine bauen und bewohnen. Nach Saraceno sind die sozial agierenden Spinnen erfolgreicher, was man heutzutage ebenso auf den Menschen übertragen könne. Aus diesen Beobachtungen im eher mikrokolsmologischen Bereich ergeben sich dann für Saraceno Fragen zu den großen kosmologischen Zusammenhänge, Fragen nach dem kosmologischen Netz, aber auch Fragestellungen der sozialen Interaktion – wie hängen auch wir Menschen unter einander zusammen, wie beeinflussen Aktionen von Menschen die Aktionen der anderen (sehr plastish geschildert anhand der Livebeobachtungen von Personen, die sich gerade während des Künstlergesprächs in der Installation aufhielten.

Saraceno und Ackermann im Gespräch
Saraceno und Ackermann im Gespräch

Überhaupt nahm die Begeisterung Saracenos für die Gattung der Webspinnen, deren ältesten fossilen Funde bis ins Karbon zurückreichen, den größten Raum des Künstlergespräches ein. Eines wurde aber auch aus den Schilderungen Saracenos ganz klar: bei solch großem Aufwand, der nötig war, diese Rauminstallation überhaupt durch- und umsetzten zu können (“In Orbit“ bedurfte nach Angaben von Ackermann 3 Jahre an Vorbereitung und Planung), geht es auch gar nicht ohne dieses Maß an Enthusiasmus für ein Thema. Und noch eines wurde sehr deutlich: die Kunst des Saracenos, andere Menschen für seine Ideen zu fesseln – um nicht zu sagen – mit seinem ausgelegten Spinnennetz zu fangen: so konnte er das MIT (Massachusetts Institute of Technology) sowie das das Max-Planck-Institut für seine Untersuchungsvorhaben gewinnen, aber auch das Senckenberg Museum in Frankfurt, Ingenieure, Statiker und Architekten konnten für dieses interdisziplinare Projekt überzeugt werden. So musste z. B. zur Berechnung der Statik von “In Orbit“ auf eine chinesische Software (wenn ich es richtig verstanden habe namens “Easy“) zurück gegriffen werden, welche weltweit nur 5 Spezialisten handhaben können, um berechnen zu können, welche Zugkräfte auf jeden Punkt der gespannten Netzkonstruktion wirken. Eine besondere Herausforderung dabei war auch, dass die zahlreichen Verankerungspunkte der Drahtseile an der Dachkonstruktion des Ständehauses sich sehr in ihrer Tragfähigkeit voneinander unterscheiden, was dann bei der Aufhängung der Gesamtkonstruktion berücksichtigt werden musste, damit das Dach dieser Belastung standhält. Für das Modell zu „In Orbit“ ließ er zudem dann natürlich Spinnen einen Teil der „Entwürfe“ vorspinnen und setzte diese dann im Modell um.

Ackermann verglich Saraceno ob seines universalkünstlerischen Ansatzes und seines Beitrags zur Kenntnisgewinnung in den Naturwissenschaften dann auch mit Goethe und unterstrich die aus seiner universalen Herangehensweise und der interdiziplinarischen Zusammenführung von Kunst und Wissenschaft abgeleitete besondere Bedeutung Saracenos für die zeitgenössische Kunst.



Das soziale Kooperationsverhalten hat sich jedenfalls Saraceno wie es scheint für die Umsetzung seiner Großinstallationen perfekt bei seinen Gliederfüßlern abgeschaut.



Abendliches Treiben im "Orbit"
Abendliches Treiben im „Orbit“


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Künstlerporträt: Gudrun Kemsa – Der inszenierte Blick

Gudrun Kemsa – Der inszenierte Blick

Von Meike Lotz

Paris, New York, Dubai und Berlin – die Mega-Cities der Welt bilden die urbane Bühnenkulisse für die großformatigen Fotografien von Gudrun Kemsa. Die Professorin für ‚Bewegte Bilder und Fotografie‘ an der Fachhochschule Niederrhein in Krefeld zählt zu den wichtigsten deutschen Foto- und Videokünstlerinnen der Gegenwart. Sie lebt und arbeitet hier in Düsseldorf.

Mit siebzehn Jahren hatte sie bereits Fotografie in der Schule gelernt und erste schwarzweiß Abzüge in der Dunkelkammer gemacht, erzählt sie uns im Interview. Dann wollte sie aber was anders machen und hat sich für Bildhauerei interessiert, weil es da um die Auseinandersetzung mit dem Raum und um Örtlichkeiten ging. Studiert hat Gudrun Kemsa an der Düsseldorfer Kunstakademie bei den Bildhauern Prof. Karl Bobek und Prof. David Rabinowitsch.

Dieser bildhauerische Einfluss ist heute in ihren Fotografien sichtbar: Große Räume, Parks, Plätze, Schaufenster, Straßenzüge und Gebäudefassaden sind ihre Motive und mittendrin ist auch immer der Mensch zu sehen. Denn die architektonischen Stadtkulissen ohne den Menschen wären wie „tote Orte“ erklärt Kemsa und lässt den Großstädter als Protagonisten in ihren Bildern auftreten: Er telefoniert, sitzt, läuft, wartet an einer Bushaltestelle oder steht einfach nur herum. Kemsa zeigt uns den Menschen im Alltagsgeschehen, verzichtet aber dabei auf ein narratives Moment.

Schiffbauerdamm 1, 2009, 86x198 cm, C-Print Diasec. © Gudrun Kemsa
Schiffbauerdamm 1, 2009, 86×198 cm, C-Print Diasec. © Gudrun Kemsa

Ihre Arbeiten gehören daher im weitesten Sinne zum Genre der Straßenfotografie. Diese versucht den Alltag in der Stadt abzulichten. Die fotografierten Menschen stehen dabei repräsentativ für eine allgemein menschliche Situation des Alltags. Die Straßenfotografie will darüber hinaus den zufälligen Blick und den unbeobachteten Moment spiegeln, ohne eine bestimmte Person abzulichten. Gudrun Kemsa zeigt uns aber weder den Alltag noch eine besondere Situation. Ihre dargestellten Szenen wirken steril, distanziert und inszeniert. Die Menschen scheinen choreografiert und nehmen wie hyperrealistische Wachsfiguren ihren Platz in der urbanen Architekturstruktur ein. Dabei überrascht es, dass die Künstlerin auf jegliche digitale Manipulation verzichtet. Diese Arbeit überlässt sie lieber anderen Künstlern, erzählt sie schmunzelnd.

Sixth Avenue 5, 2009, 86x198cm, C-Print, Diasec. © Gudrun Kemsa
Sixth Avenue 5, 2009, 86x198cm, C-Print, Diasec. © Gudrun Kemsa

Kemsa wartet also geduldig – fast meditativ – am Bühnenrand des Geschehens und drückt den Auslöser erst, wenn die Passanten eine spannungsgeladene Konstellation zueinander einnehmen und sich möglichst nicht überschneiden. Bis sich solch eine Szene ergibt, wartet sie schon mal stundenlang am gegenüberliegenden Straßenrand. Sie fotografiert aus dem Verborgenen, der Anonymität heraus , so dass die Fotografierten sie nicht bemerken. Gleichzeitig müssen auch die Lichtverhältnisse optimal sein. Kein leichtes Unterfangen: Kemsa sucht sich die Orte an denen sie fotografiert auf ihren Reisen in die Großstädte der Welt akribisch aus und kehrt mehrmals zu Ihnen zurück bis sie dort das richtige Bild vorfindet. Die Königsallee hier in Düsseldorf kommt leider nicht in Frage. Kein gutes Motiv, findet Kemsa, es parken zu viele störende Autos dort.

Scène 16, zweiteilig. © Gudrun Kemsa
Scène 16, zweiteilig. © Gudrun Kemsa

Neben dem Ort interessiert sich die Künstlerin vor allem für den zufälligen Moment der Begegnung, das Vertraute im Fremden und vor allem die Bewegung der Passanten. Die Bewegung an sich ist ein zentrales Motiv in ihrer Arbeit. Dafür wechselt Kemsa auch gerne das Medium. Ihre Kunst fungiert dabei als Schnittstelle zwischen Video und Fotografie.

In ihren Videoarbeiten kann sie die Bewegung deutlicher visualisieren und lässt uns die Großstadt als unablässig fließende Bildfolge wahrnehmen. In ihrem Video „QUEENS“, das Kemsa als 2-Kanal-Video-Installation präsentiert, kann der Betrachter die Strecke des N-Train zwischen Astoria Boulevard und Broadway visuell erleben. Die schnelle Bewegung der mitfahrenden Kamera, die zwei zeitlich versetzen Projektionen und das pulsierende, rhythmisch-technische Soundarrangement der Installation versetzen ihn regelrecht in einen Trancezustand – entfernte Gebäude, Personen am Bahnsteig oder ein vorbei fahrender Zug auf dem Nachbargleis wirken schemenhaft und flüchtig. Gudrun Kemsa schafft es mit wenigen stilistischen Mitteln die Zeit spürbar und visuell erfahrbar zu machen.

Bei ihren neusten Arbeiten experimentiert Kemsa mit Langzeitbelichtungen und schießt Nachtaufnahmen. Auf diesen verschwindet der Mensch fast gänzlich, die Zeit jedoch bleibt sichtbar.

In einer Einzelschau im Rahmen der Szene Rheinland Ausstellungen des LVR-LandesMuseum Bonn sind noch bis zum 7. Juli die neusten Foto-und Videoarbeiten von Gudrun Kemsa zu sehen. Am Freitag, 5. Juli um 19 Uhr findet dort eine Künstlerführung und Vorführung von Kurzfilmen statt.

Blick in die Ausstellung: Gudrun Kemsa - Urban Stages, © Fotograf Jürgen Vogel
Blick in die Ausstellung: Gudrun Kemsa – Urban Stages, © Fotograf Jürgen Vogel



Die Autorin Meike Lotz-Kowal (M.A.), geboren 1979 in Düsseldorf, arbeitete seit 2007 als freie Kunsthistorikerin und Pressereferentin im Gebiet Düsseldorf u.a. für das Kunst- und Ausstellungshaus der Langen Foundation.



Weitere Informationen:
Gudrun Kemsa -Urban Stage
LVR-LandesMuseum Bonn
Colmantstraße 14-16
53115 Bonn
Tel: 0228/2070-0
www.landesmuseum-bonn.lvr.de
info.landesmuseum-bonn@lvr.de



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Prof. Anthony Cragg im Interview mit KunstDuesseldorf

Interview mit Prof. Anthony Cragg, Rektor der Kunstakademie Düsseldorf und international
renommierter Bildhauer.



Kurz vor Weihnachten hatte die Redaktion von KunstDuesseldorf.de (KD) Gelegenheit zu einem Interview mit Prof. Anthony Cragg (AC) in der Düsseldorfer Kunstakademie. Das Interview für KD führte Sven Blatt.

(Am Ende des Interviews finden Sie noch ein YouTube-Video der Deutschen Welle zu Tony Cragg.)

KD: Zunächst einmal möchten wir mit ein paar Fragen zur Kunstakademie bzw. dem Studium an dieser beginnen. – Die Zulassung zum Studium an der Kunstakademie Düsseldorf ist an gewisse Bedingungen geknüpft. Welche sind das?

AC: Dies ist ein Teil der Studienordnung der Kunstakademie und darin genau beschrieben.

KD: Aber dort wird auch so etwas angesprochen wie die “künstlerische Begabung“ – die Kunstakademie nimmt ja nicht jeden, sondern man muss eine künstlerische Begabung nachweisen.

AC: Ja – wenn wir jeden nehmen würden, dann bräuchten wir keine Kunstakademie zu sein.

KD: Wird das Vorliegen einer künstlerischen Begabung in einem Test geprüft?

AC: Das ist ein ganz normales Aufnahmeverfahren, bei dem die Studenten, die sich bewerben eine Mappe mit ihren Arbeitsproben einreichen Das kann man aber alles ganz gut in der Studienordnung nachlesen.

KD: Muss man denn zwingend eine zeichnerisches Talent mitbringen?

AC: Nein, nicht unbedingt. Für den, der über zeichnerische Fähigkeiten verfügt, ist es schön, aber es ist keine Bedingung.

KD: Herr Prof. Cragg – Sie selbst haben ja vor ihrer künstlerischen Laufbahn den Beruf eines Labortechnikers erlernt. Würden Sie einem jungen Menschen, der sich mit dem Gedanken trägt, Kunst zu studieren, raten, vor dem Studium auf jeden Fall zunächst eine Lehre in einem “klassischen Beruf“ zu absolvieren?

AC: Nein, ich würde das nicht generell jedem raten. Wenn jemand weiß, was er machen will, dann soll er sich ruhig direkt an der Kunstakademie bewerben. Aber eine andere Ausbildung oder Werdegang vor einem Kunststudium ist nicht schädlich.

KD: Man kann gelegentlich Behauptungen bzw. Kritik hören, dass während des Studiums an der Kunstakademie die Ausbildung in künstlerischen Grundtechniken wie z. B. dem Freihandzeichnen, zu kurz käme. Wie sehen Sie das?

AC: Da ich nicht weiß, von wem diese Kritik stammt, kann ich sie eigentlich nicht kommentieren. Ich kann nur so viel sagen, dass für diejenigen, die es möchten, von der Kunstakademie auf allen Ebenen und in allen Disziplinen der richtige Unterricht angeboten wird.

KD: Herr Prof. Cragg, Sie sind Brite und hatten ihre künstlerische Ausbildung in Großbritannien. Kann man bzw. wie würden Sie das künstlerische Lehrwesen in Großbritannien mit dem in Deutschland vergleichen? Wo liegen die Unterschiede, was könnte man in Deutschland verbessern, was ist gut hier?

AC: Das ist sehr schwierig miteinander zu vergleichen. Nicht nur, dass man zwei völlig unterschiedliche Systeme vor sich hat, sondern auch völlig verschiedene Zeiten. Ich habe in den Jahren 1969 bis 1977 unter ganz anderen Bedingungen studiert, als man sie heute in Großbritannien vorfindet. Die Engländer haben ein großes System. Ich glaube es gibt an die 100 Kunstakademien – Art Schools – und die bildende Kunst ist sehr mit dem Design verknüpft. Wenn man dort eine Kunstakademie besucht, ist es möglich bis an die 16 kunstverwandte Fächer zu belegen, z. B. Keramik, Grafik, Mode, Mediendesign, Möbel etc. und eben auch Malerei und Bildhauerei. Und das kann man natürlich nicht nur in einer Akademie, sondern in einer Vielzahl von Akademien und diese bieten dann eine bestimmte Auswahl dieser Fächer an – manche bieten 2 oder 3 Studienrichtungen an, es gibt aber auch welche, bei denen man aus bis zu 10 wählen kann. In Deutschland ist das natürlich eine ganz andere Situation – es gibt in dem Sinne kein ganzes Akademiesystem, sondern einzelne Akademien mit einem relativ hohen Maß an Autonomie und der Unterricht findet in Künstlerklassen unter der Leitung eines bestimmten Professors statt. – Ich finde, das ist ein sehr erfolgreiches Modell. Das sieht man auch daran, wie viele Künstler aus den Kunstakademien – so auch aus der Düsseldorfer – hervorgegangen sind. Da muss man also doch etwas richtig gemacht haben.

KD: Das ist auch nach wie vor so? Oder anders gefragt: Wo sehen Sie den Kunststandort Düsseldorf in seiner künstlerischen Bedeutung?

AC: Nun – es gibt natürlich Gründe, warum Düsseldorf in den Jahrzehnten nach dem 2. Weltkrieges zu einem Zentrum der Kunst wurde. Zunächst einmal gab es eine große Bevölkerung in Nordrhein-Westfalen, eine große und abwechslungsreiche Tradition in der Kultur. Die Grundlagen dazu waren also quasi schon vorhanden und Düsseldorf lag sozusagen in “der freien Welt“, nicht wie das in einem eingekesselten Berlin der Fall war, welches durch seine Isolation ein kulturelles Zerrbild von sich wieder gespiegelt hat oder der Akademie in München, wo man sehr konservativ an die Kunst heranging. Düsseldorf verfügte über exzellente Beziehungen zum Ausland, so dass Düsseldorf einfach auch historisch bedingt, die idealen Voraussetzungen als Kunststandort mitgebracht hat. Das ist natürlich eine gute Grundlage dafür, dass die Düsseldorfer Kunstakademie auch weiterhin interessant und auch relevant bleiben kann, nur die Historie ist natürlich kein alleiniger Garant dafür, sondern man muss dafür Sorge tragen, dass sie sich weiter entwickelt und man muss in sie investieren, um sie weiter voran zu bringen.

KD: Was würden Sie als die wichtigste Eigenschaft bezeichnen, die man mitbringen muss, um ein erfolgreicher Künstler zu werden?

TC: Es kommt darauf an, was Sie unter einem “erfolgreichen Künstler“ verstehen. Ein Künstler, der einfach seinen eigenen Visionen nachgeht, ist für mich ein erfolgreicher Künstler – und das ist eigentlich unser Ziel. In der heutigen Zeit, wo so viel öffentliches Interesse für die Kunst herrscht mag es eine andere Vorstellung von “Erfolg“ geben – aber für uns gilt nur der künstlerische Erfolg als solcher. Man muss die eigene Stärke haben, seine eigenen Themen zu entwickeln, eine Beobachtungsphase in seiner Arbeit zu haben, in der man Informationen zu Themen sammelt, die einen interessieren und dann selbstverständlich die Möglichkeit haben, dies dann auch in das Material umzusetzen. Aber das sind keine Vorbedingungen, man weiß nicht im Voraus, ob man das alles mitbringt – dieses Haus hier gibt den Leuten die Möglichkeit herauszufinden, ob sie das können.

KD: Wer bestimmt eigentlich heute, was Kunst ist und was nicht?

TC: Nur der bzw. die Künstler selbst.

KD: Herr Prof. Cragg: Sie sind nun seit 2009 Rektor der Kunstakademie und bilden – zusammen mit zwei weiteren Professoren, den sog. Prorektoren – das Rektorat der Kunstakademie. Verkürzt heißt es auf der Website der Kunstakademie zur Funktion des Rektorats, dass seine Aufgabe darin besteht, sicherzustellen, dass die Funktionsträger ihre Aufgaben und Pflichten wahrnehmen. Wie würden Sie mit ihren eigenen Worten die Funktion des Rektorats bzw. die des Rektors der Kunstakademie definieren? Mit welcher Zielsetzung führen Sie dieses Amt?

TC: Für mich ist es wichtig, dass die Kunstakademie Düsseldorf auch weiterhin ein relevantes Zentrum für die Kunst bleibt und das ist Ziel meiner Arbeit.

KD: Was würden Sie sagen – welche Entwicklung hat die Kunstakademie während ihres Rektorats gemacht? – Ist sie “skulpturenlastiger“ geworden? Beim letzten Rundgang hatte ich jedenfalls diesen Eindruck gewonnen.

TC: Es gibt weit mehr Maler als Bildhauer hier im Haus – so wie das eigentlich schon immer der Fall war – ich würde diese Sicht nicht unbedingt teilen und ich finde das auch relativ irrelevant. Manchmal wird gesagt, dass die Kunstakademie eine “Malerakademie“ wäre und dann aber auch wieder, dass sie eine “Bildhauerakademie“ wäre. Eigentlich ist mir das egal, für mich ist sie eine Kunstakademie.

KD: Ist ihre eigene Kunst durch ihr Amt des Rektors zu kurz gekommen?

TC: Ich würde nicht sagen zu kurz gekommen, aber es ist einfach so, dass ein Mensch nur eine gewisse Anzahl an Aufgaben auf einmal erledigen kann – es gibt Zeiten, wo ich mehr über die Akademie nachdenke, als ich es tun sollte, aber das ist okay.

KD: Vor kurzem konnte man lesen, dass Sie ihre Amtszeit als Rektor nicht verlängern werden. Ist das richtig und wenn ja, warum? TC: Ja, das ist richtig – es war so geplant, dass ich dieses Amt für vier Jahre übernehme. Ich möchte zurück in mein Atelier, da ich einige andere Projekte habe, an denen ich arbeiten möchte, aber ich werde der Kunstakademie noch einige Jahre als Professor erhalten bleiben.

KD: So, nun noch eine Leserfrage – Werden Sie selbst durch die Arbeiten ihrer Studenten inspiriert?

TC: Durch die Gespräche mit den Studenten, ja – aber weniger durch ihre Arbeiten. Die Gespräche mit den Studenten finde ich inspirierend.

KD: Nun noch ein paar Fragen an Sie als Künstler. Ihre künstlerische Laufbahn nahm zunächst ihren Anfang in der Malerei – welchem Umstand haben wir es zu verdanken, dass Sie sich dann letztlich der Bildhauerei zugewendet haben?

TC: Ob man dafür dankbar sein sollte, weiß ich nicht (lacht). Als ich zur Akademie ging, wollte ich zunächst zeichnen – ich habe mich sehr für das Zeichnen interessiert, das war mein Hauptinteresse. Gemalt habe ich nur während der Zeit, die man hier an der Kunstakademie “Orientierungsbereich“ nennt, also nur im ersten Jahr – während meiner ersten Vollzeitakademie in Wimbledon besuchte ich einem Malereikursus, aber ich fand es einfach viel spannender, mit Material zu arbeiten.

KD: Ja, Material ist ja schlichtweg das Thema bei Ihnen. – Was ist die Intension ihres künstlerischen Schaffens?

TC: Möchten Sie die kurze Fassung oder die lange? – (lacht) – Nein, eine solche Frage beantworte ich nicht.

KD: Lassen Sie mich die Frage anders formulieren – Kann man sagen, dass Sie als Künstler ihrem ersten Beruf doch irgendwo treu geblieben sind – und zwar in dem Sinne, dass Sie auch als Künstler nach wie vor Materie untersuchen, ihre Möglichkeiten erforschen – nur eben auf eine andere Art und Weise denn als Labortechniker?

TC: Nun – Material ist alles, was wir kennen – alles was in dem Raum ist, auch Dinge wie Emotionen und Intelligenz haben eine materielle Grundlage. Wenn also auch Gedanken und Gefühle eine materielle Grundlage haben, dann kann man erahnen, wie erhaben das Material ist. Es ist tatsächlich so, dass die Bildhauerei zu einer Studie der Materialwelt geworden ist – zwar nicht, wie das die Wissenschaft macht, die untersucht, nach welchen Gesetzmäßigkeiten Materie funktioniert – sondern die Kunst gibt den Dingen, die um uns herum sind, einen Wert, eine Bedeutung, auch einen gewissen Sinn und das ist eine wichtige Aufgabe der Kunst.

KD: Welcher bzw. welche Künstler haben Sie am meisten beeinflusst? TC: Ach, ich zögere, hier jemanden Bestimmten hervorzuheben. Es gab und gibt sehr viele – Medardo Rosso, Marcel Duchamp, Henry Moore, Joseph Beuys um nur einige zu nennen – alle diese Bildhauer haben einen wichtigen Beitrag dazu geleistet, dass wir mit der Bildhauerei heute dort stehen, wo wir sind.

KD: Wie sehen Sie das Verhältnis zwischen Malerei und Bildhauerei? Kann man diese unterschiedlichen Ausdrucksformen der bildenden Kunst überhaupt miteinander vergleichen oder sind das für Sie zwei völlig verschiedene Dinge?

TC: Vergleichbar sind sie auf jeden Fall, aber der primäre Unterschied ist natürlich ganz offensichtlich – der Maler ist mehr mit dem Bildhaften beschäftigt, der Bildhauer eher mit der Realität. Das Verhältnis zwischen der Bildhauerei und der Malerei wird von Malern auch schon mal gerne so beschrieben, dass Bildhauerei das ist, worüber man stolpert, wenn man zurück tritt, um sich ein Bild anzuschauen. Das sehen natürlich die Bildhauer ganz anders (lacht).

KD: Sie möchten ja denke ich auch nicht, dass man über ihre Skulpturen stolpert.

TC: Dabei würde man sich sicherlich weh tun. Wir versuchen jedenfalls, es den Leuten nicht leicht zu machen (lacht)

KD: Braucht die Bildhauerei die Banalitäten des Alltags wie das Gute das Böse?

TC: Die Bildhauerei bzw. die Kunst an sich ist in gewisser Weise ein Spiegelbild von allem, was menschlich ist und da gehört bestimmt auch die Banalität dazu.

KD: Aber kann sich die Kunst nicht überhaupt erst als solche dadurch abheben, dass sie die Banalität als Gegenpol hat?

TC: Nur dass es in vielen Situationen keinen Kontrapunkt zu den Banalitäten gibt. Insofern ist man sehr oft in einer öderen Welt zurückgelassen, die nur auf einer relativ niedrigen Ebene funktioniert. Aber man kann beobachten, dass Studenten, die gerade mit dem Kunststudium angefangen haben, bereits nach relativ kurzer Zeit die Welt ganz anders betrachten. Sie ziehen Dinge in Betracht, nehmen Dinge wahr, auch wenn sie banal sein mögen und durch diese Betrachtung finden sie Inhalte und das ist natürlich, worum es geht.

KD: Nun ein paar konkrete Fragen zu ihrer Kunst. – Wie entstehen ihre Skulpturen? Wie kann man sich den Entstehungsprozess vorstellen? Zeichnung – Modell – Werkstatt? Sind das die üblichen Stationen, die ihre Skulpturen durchlaufen?

TC: Ja, meistens über Zeichnungen und kleinere Skulpturen, also Modelle und Modellierungen – im Moment erfolgen sehr viele Ausarbeitungen in Holz. Danach erfolgt die Entwicklung von größeren Objekten.

KD: Holz quasi als Positivform? TC: Ja genau – aber nicht nur Holz, auch Kunststoff oder Gips – das sind die Materialien, die man verwenden kann, um Formen zu bauen – diese werden als erstes hergestellt.

KD: Bei ihren Zeichnungen zu ihren Skulpturen fällt auf, dass sie sich alle oder zumindest die meisten, innerhalb einer äußeren Hülle bewegen – ähnlich einem Kokon, den die Skulptur nicht verlässt, auch wenn diese noch so komplex erscheinen mag. Hat also jede Skulptur ihre äußere “Masterform“, an der sich alle Detailformen ausrichten?

TC: Nein, ich kann das so nicht bestätigen, wie Sie es beschreiben. Aber es gibt etwas Grundsätzliches, was man im Zusammenhang mit Oberflächen sagen kann. Wir lesen die Oberfläche von Gegenständen, wir sehen sie, weil Licht von ihren Oberflächen reflektiert wird und in unser Auge trifft, aber versuchen immer etwas zu lesen, was unter der Oberfläche ist – wir betrachten uns und sehen eine Platine von Informationen, aber im Grunde genommen, wollen wir wissen, was hinter dieser Oberfläche ist. Nehmen Sie z. B. ein Kleinkind, auf welche Art es manchmal auf dem Boden läuft, ganz vorsichtig, tastend – es traut dem Boden noch nicht so richtig. Ich glaube, es gibt einen psychologischen Druck, zu jeder Zeit zu wissen, was unter der Oberfläche ist – welche Energien, welche Kräfte, welche Substanzen die Welt tatsächlich ausmachen. Wenn Sie also sagen, die Oberfläche ist ein bisschen wie eine Hülle – ja klar ist sie eine Hülle – aber eine Oberfläche ist immer nur ein Portal zu allen anderen Qualitäten, die viel wesentlicher sind.

KD: Ihre Werke sind aus den unterschiedlichsten Materialien gearbeitet: Holz, Bronze, Stein, Edelstahl, Kunststoff etc. – da muss ja sicherlich dann je nach Material auch “produktionstechnisch“ ganz unterschiedlich herangehen werden.

TC: Für mich ist es im Moment am einfachsten, Skulpturen in Holz zu arbeiten, da kann ich sehr viel bauen, sehr viel mit erreichen – aber die Technik ist nur insoweit interessant, als ein Künstler das zum Ausdruck bringen kann, was er will. – Hat Jackson Pollock die Farbe gut getropft? Das wäre eine unsinnige Frage. Die Technik ist also von sehr untergeordneter Bedeutung. Wenn die Technik übergeordnet ist, dann werden die Sachen manieristisch.

KD: In einer ganzen Folge von Skulpturen lassen sich immer wieder Formen eines – ich beschreibe es mal so – energetisch verzerrten Kopfes bzw. einer Vielzahl dieser Köpfe erkennen, so z. B. bei “Wilde Relatives“, “Close Quaters“ oder auch “Points of View“. Warum dieser Kopf? Als der Teil des Menschen, der ihm seine schöpferischen Ideen gibt oder was hat es damit auf sich?

TC: Nun, wir Menschen sind – weil es für uns entwicklungsgeschichtlich anscheinend von existentieller Bedeutung war – darauf trainiert, in einem Material anthropomorphe Formen wieder zu erkennen. Wenn wir z. B. draußen in ein Gebüsch schauen, dann sehen wir darin auch menschliche Formen. Das ist aber nur ein Teilaspekt meiner Arbeit, bei der mich also die Frage interessiert: wo liegen die Grenzen zwischen Erkennbarkeit bzw. Wiedererkennbarkeit und abstrakten Formen. In diesen Skulpturen wechselt sich die Betrachtung von (wieder-)erkennbaren Formen ab mit der Konfrontation mit abstrakten oder unbekannten Formen.

KD: In anderen Skulpturen, z. B. “Caught Dreaming“ oder “In Frequencies“ wiederholen sich Formen, in dem diese multipel hintereinander gereiht, – verschachtelt oder um Achsen verdreht sind. Was steckt hinter dieser Strukturierung, hinter dieser speziellen Art der Formgebung? Geht es darum Bewegung im Statischen darzustellen oder um welche künstlerische Idee geht es dabei?

TC: Nein, darum ging es mir hierbei nicht. Schauen Sie – wir sind hier zu mehreren Personen in einem Raum, wir stehen in unklaren Beziehungen zueinander, da diese nicht offen ausgesprochen sind und alle diese verschiedenen Personen haben gleichzeitig die unterschiedlichsten Gedanken, die aber miteinander verwoben sind. Die Arbeit “Caught Dreaming“ ist eine Reflexion über diese Zusammenhänge.

KD: Zu “Caught Dreaming“ nun mal noch eine rein “produktionstechnische“ Frage – wurde dabei mit einer Art Schablonentechnik gearbeitet?

TC: In “Caught Dreaming“ sind drei Persönlichkeiten dargestellt und diese sind in der Tat jeweils mit einer Serie von Holzschablonen ausgearbeitet. Zwischen den Holzschablonen wurde dann Styropor eingetragen und dann wurde die ganze Oberfläche mit einem Acrylharz modelliert.

KD: In einem früheren Interview äußern Sie sich geradezu euphorisch, was die Entwicklungsmöglichkeiten der Bildhauerei für die Zukunft angeht und sagen dort weiter, dass die Bildhauerei bislang nur an der Oberfläche gekratzt hätte – nach hunderten um nicht gar zu sagen tausenden von Jahren menschlicher Objektkunst und einer Begrenztheit möglicher Grundformen: wo sehen Sie denn diese Entwicklungsmöglichkeiten?

TC: Ich glaube, wenn man die Entwicklung der Bildhauerei über die letzten 100 Jahre hinweg betrachtet – von der rein figurativen Bildhauerei im Europa der Jahrhundertwende bis hin zu dem, wo wir heute mit der Bildhauerei stehen – dann ist das schon eine unheimlich dynamische Entwicklung im Laufe derer man den Beziehungen zwischen Formen des Materials und der Sprache, der Begriffe, die wir haben, auf den Grund gegangen ist. Diese Beziehung ist natürlich etwas, das thematisch ausgeweitet werden kann. Ich finde, dass die Bildhauerei im Kern eine wunderbare und wichtige Alternative bietet zu unserer überwiegend industriell geprägten Welt bzw. zu dem, was Menschen normalerweise machen (was meistens schlicht und minderwertig ist). Das kann man dann natürlich nicht nur auf die Architektur, auf Möbel, auf Mode oder die Medien beziehen, sondern auch auf reelle Dinge wie z. B. Forstwirtschaft. Warum müssen die Wälder so langweilig sein – sie sind nicht tatsächlich langweilig, aber es gibt dort nur noch wenige Spezies, wenige Arten von Bäumen und Tieren. Es ist mittlerweile alles sehr vereinfacht, aber das nehmen wir nicht mehr wahr, weil wir das so schon seit tausenden von Jahren betreiben, so dass aus dem Wald mittlerweile eine harmlose, verarmte Geschichte geworden ist – warum soll sich ein Bildhauer nicht mit solchen Themen befassen, mit Agrar- und Forstwirtschaft oder warum nicht sogar mit einem Thema wie “Bildungssysteme“. Ich finde, die Bildhauerei hat in dieser Richtung noch sehr viel Potential.

KD: Sehen Sie ihre künstlerische Entwicklung eher, sich in diskreten Schritten oder sich in Sprüngen vollziehend?

TC: Bei mir hat sich das über die Jahre so entwickelt, dass ich meistens gleichzeitig an mehreren Themen oder Projekten parallel arbeite. Es kann dann aber durchaus sein, dass ich dann mal in einem Bereich nicht sofort weiterkomme, da muss ich dann pausieren, bis dort irgend etwas passiert – dafür geht es dann vielleicht in anderen Bereichen wieder schneller voran. Aber ich kann mich dann auch einfach mal zurückziehen und zeichnen, es gibt also keinen “Leerlauf“ in dem Sinne.

KD: Um dieses Interview etwas aufzulockern möchte ich ihnen an dieser Stelle gerne ein paar Stichworte nennen und Sie bitten, spontan zu sagen, was Ihnen dazu einfällt.

KD: Energie AC: Hat man (lacht) – hat man, wenn man sie hat.

KD: Jackson Pollock

AC: Großartiger Künstler!

KD: Gerhard Richter

AC: Großer Künstler, ehemaliger Professor der Kunstakademie Düsseldorf.

KD: Kitsch

AC: Keine Sache der Kunst.

KD: Jeff Koons

AC: Ja, bei aller kritischen Haltung gegenüber anderen Künstlern bin ich eher jemand, der dankbar ist für jeden Künstler. Koons zeigt uns etwas, was uns andere so nicht zeigen. Das mag uns nicht allen gefallen, aber mir es lieber, es gibt einen Künstler wie Koons, als dass es ihn nicht gäbe.

KD: Not macht erfinderisch.

AC: Das sagt man nur, wenn man es überlebt hat (lacht).

KD: Ich meine das vor dem Hintergrund, dass ich mich gefragt habe, mit was denn ein junger Bildhauer arbeiten muss, wenn er noch keinen Namen hat, noch nicht die Mittel hat – da muss er ja schon mit einfacheren Mitteln arbeiten.

AC: Nun, Sie sehen das an der Stelle vielleicht auch ein bisschen falsch. Es ist ja nicht so, dass man denkt: ich will ein Bildhauer werden, wie werde ich das, sondern es ist einfach so, dass man ein Interesse an etwas hat. Dass man erst einmal versucht, etwas zu lösen, mit dem, was man zur Hand hat, das ist auch heute noch so. Ich habe im Grunde genommen keine Ziele – ich versuche meine Arbeiten fortzusetzen und die Themen, die mich bereits seit Jahrzehnten interessieren, weiter zu entwickeln. Da ist kein Ziel dabei – wenn ich ein Ziel dabei hätte, dann wäre das schon vertan. Dann könnte ich nur noch auf dieses Ziel hinarbeiten und das wäre dann für mich vielleicht nicht mehr künstlerisch oder kreativ. Die Kunst bietet die Möglichkeit eine Reise anzutreten – jede Arbeit, die man anfängt, jede Zeichnung bietet Möglichkeiten, von denen man am Anfang noch gar nicht weiß, wohin diese einen führen werden und gerade das ist doch für einen Künstler das Spannende an einem Kunstwerk.

KD: Da stimme ich Ihnen sicherlich zu, aber ein Künstler ist doch in den Mitteln, die ihm zur Verwirklichungen seiner Ideen zur Verfügung stehen am Anfang sehr begrenzt. Er kann es sich z. B. nicht gleich leisten, sich eine aufwändige Gussform für eine künstlerische Idee herstellen zu lassen.

TC: Das muss er auch nicht, das wäre auch nicht angebracht. Wenn ich diese Möglichkeiten als junger Student alle gehabt hätte, ich hätte noch gar nicht gewusst, etwas damit anzufangen. Ich bin sehr froh, dass ich die Sachen, die ich gemacht habe, genau so gemacht habe, wie ich sie gemacht habe, weil sich dadurch die Dinge selbst entwickelt haben. Ich habe manchmal das Gefühl, dass ich selbst dazu gar nichts beigetragen habe.

KD: So, nun ein weiterer und bereits vielfach zitierter Spruch – “Ich suche nicht, ich finde!“ (Pablo Picasso, Anmerkung der Redaktion)

AC: Man sucht meistens – wenn man Glück hat, dann findet man auch etwas dabei. Suchende sind wir alle (lacht).

KD: Künstler, die behaupten, sie machen ihre Kunst nur für sich…

AC: … die haben einen guter Ansatz und ich denke, dass dies jeder gute Künstler im Kern auch tut. Wenn man sich als Künstler nicht “privat“ mit seiner Kunst beschäftigt, sich nicht nach den eigenen künstlerischen Bedürfnissen richtet, sondern bei seiner künstlerischen Tätigkeit andere Personen im Kopf hat, dann ist man als Künstler schon von vorne herein verloren – wir sind keine Designer, das ist kein Produkt, das man entwickelt. Das Problem in unserer heutigen Zeit ist nur, dass dieses notwendige “Sich-Privat-mit-Kunst-befassen“ in großem Widerspruch steht zur Veröffentlichung von Kunst, die dann in den Medien, in Museen, auf dem Kunstmarkt eine breite Öffentlichkeit erfährt. Man kann feststellen, dass es jetzt schon kritisch ist und man wird sehen, wie zukünftige Künstlergenerationen damit umzugehen wissen.

KD: Nun möchte ich noch auf ein anderes Thema zu sprechen kommen – ihren Skulpturenpark “Waldfrieden“. Sie haben in Wuppertal in einem mehrere Hektar großen Waldgebiet einen Skulpturenpark nebst Ausstellungspavillon errichtet. Ist dies ihr Zukunftsprojekt, eine Vorsorge für das eigene künstlerische Lebenswerk?

TC: Nein, der Skulpturenpark war mehr oder weniger ein Zufallsprodukt gewesen. Dadurch, dass das Gelände mitten in Wuppertal frei war, hatte es sich angeboten, das zu machen. Ich würde den Skulpturenpark gerne als ein Zentrum für Bildhauerei sehen. Im Moment ist es tatsächlich so, dass dort überwiegend meine Arbeiten zu sehen sind, weil sie das sind, was ich habe. Aber die Ausstellungen, die wir machen und unser Programm beziehen andere Künstler mit ein. Ich möchte gerne, dass es uns gelingt, zunehmend Arbeiten von anderen Bildhauern ausstellen oder installieren zu können.

KD: Viele ihrer Skulpturen sind im Park unter freiem Himmel den Einflüssen der Witterung ausgesetzt. Leiden ihre Kunstwerke nicht darunter?

TC: Haben Sie ein Auto? Dann wissen Sie, wie das aussieht, wenn es ein Jahr draußen steht. – Ja, die Skulpturen müssen natürlich ständig gepflegt und gewartet werden. Sie verändern sich sonst sehr schnell.

KD: Herr Prof. Cragg, Sie leben und arbeiten (wenn Sie nicht gerade an der Kunstakademie sind) in Wuppertal. Wieso Wuppertal?

TC: Weil ich dort meine Familie, meiner Frau und meinen Kinder habe, mit denen ich dort seit 1977 lebe und wo ich mich dann natürlich auch gerne aufhalte. Ich mag auch Wuppertal sehr gerne.

KD: Machen ihre Kinder auch Kunst?

TC: Nein.

KD: Hält Kunstmachen jung bzw. wie gehen Sie mit dem Thema Alter, dem Älterwerden um?

TC: Zunächst einmal kann man sich freuen, dass man älter geworden ist, insofern hat dieser Aspekt an sich schon etwas Positives. – Wenn man noch jung ist, denkt man noch, man muss immer größer, besser und besser werden. Wenn man dann älter ist, hat man eine bessere Übersicht – zeitlich wie räumlich. Ich bin eigentlich ein Mensch mit optimistischer Grundeinstellung, von einem positiven Gelingen überzeugt und habe noch sehr Vieles, was ich noch gerne umsetzen möchte. Ob Kunst jung hält? – Schon, sicherlich – aber das ist natürlich keine Garantie für Unvorhersehbares. Aber ich habe kein Problem mit diesem Thema umzugehen.

KD: Vielen Dank Prof. Cragg für dieses interessante Interview.

Ende des Interviews mit Prof. Anthony Cragg
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Anmerkung der Redaktion: Prof. Cragg hat dieses Interview freundlicherweise in Deutsch mit uns geführt.



Zur Abrundung unseres Interviews mit Tony Cragg hier noch ein Video anlässlich der Ausstellung „Dinge im Kopf“ im Musum Küppersmühle (Duisburg)





Weiterführende Links:

Literaturauswahl:
“Anthony Cragg – Dinge im Kopf/Things on the Mind“ (Standort Stadtbücherei Düsseldorf: Rsm 1 Cragg Dinge)
“Tony Cragg – In and out of Material.” (Rsm 1 Cragg)
“Tony Cragg – Second Nature” (Rsm 1 Cragg Second)

Skulpturenpark “Waldfrieden“, Wuppertal:
www.skulpturenpark-waldfrieden.de

Fotos von den erwähnten und von anderen Skulpturen:
www.tony-cragg.com

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NEUE SERIE: Atelier-/Künstlerporträts – Künstler/innen können sich ab sofort bewerben

KunstDuesseldorf startet die neue Serie „Atelier- & Künstlerporträts“

In unserer neuen Serie „Atelier- & Künstlerporträts“, die wir demnächst starten werden, möchten wir über Künstlerinnen oder Künstler berichten, die ihren künstlerischen Wirkungskreis in Düsseldorf oder der näheren Umgebung von Düsseldorf haben.

Interessiete Künstler/innen bitten wir ihre aussagekräftige Bewerbungen (Vita, Statement, Werkproben, Website) bis spätestens 15. SEP einzureichen (redaktion@kunstduesseldorf.de, Stichwort „Bewerbung“).

Bitte die einzelnen Fotos der Werkproben nicht größer als 500KB, max. 6 Fotos, idealerweise JPEG-Format.

Möchte sich ein Atelier als Ganzes porträtiert sehen hätten wir ganz gerne auch eine kurze Beschreibung des Ateliers (+Foto) sowie seiner Mitglieder.

Bis spätestens Ende SEP erfolgt dann die Entscheidung unserer Redaktion darüber, über welche Künstler/innen oder Ateliers wir ein Porträt veröffentlichen. Da wir das Ganze als Serie planen, wird nicht nur über einen Künstler berichtet werden.

Für den Künstler entstehen keinerlei Kosten.